Bestimmt hat man schonmal den Begriff gehört, konnte aber nie etwas damit anfangen. Deshalb wollte ich mich in diesem Artikel einmal eingehend mit dieser Social-Media-Komponente beschäftigen.

Der Begriff selbst wurde erstmals 2006 verwendet, als die Internet-Musik-Plattform SELLABAND gegründet wurde. Sie hatten zum Ziel, jeder Band über sogenannte “Schwarmfinanzierung” die Möglichkeit zu geben, ein Album professionell aufzunehmen.

Beim CROWDFUNDING allgemein wird ein Projekt gemeinsam von vielen Menschen finanziert. Im Unterschied zum FUNDRAISING jedoch bekommen die “Fans” bzw. “Geldgeber” bspw. das fertige Produkt das fertige Werk oder eine Gewinnbeteiligung. Ausserdem sind sie immer sind sie immer “nah” am Produkt mit “internen Exklusiv-Informationen” dabei.

Um das ganze praktisch zu halten, habe ich mir einen guten Bekannten als Interview-Gast eingeladen – Andreas Bischof. Andi macht momentan noch seinen Master als Student der Kulturwissenschaft an der Uni Leipzig. Nach vielen kulturellen und journalistischen Arbeiten hat er nebenher ein Gruppenprojekt organisiert, bei dem er nun geschäftsführer Gesellschafter ist: “ANALOGSOUL – ist Künstlerplattform, ist Netlabel mit Releases zum freien Download, ist Label für in aufwendiger Handarbeit hergestellte CD-Auflagen. ANALOGSOUL organisiert und veranstaltet Konzerte von, mit und für Menschen, die den selben Gedanken teilen. Musik mit Soul. Unabhängig vom Genre, unabhängig vom Background, unabhängig von Kommerz und Mainstream Musik machen, hören und teilen. Du kannst hier tauchen, schwimmen, du kannst für eine Weile hier bleiben. Fühl dich zuhause.”

Da er bei seiner Arbeit sehr viele positiven Erfahrungen mit CROWDFUNDING gemacht hat und auch das komplette Label vom Social-Media allgemein und sozialen Netzwerken lebt, musste ich ihn jetzt “mal zur Rede stellen”.

Wie lange gibt es euch schon? Und wie kam es dazu CROWDFUNDING zu probieren?

Wir haben uns im Januar 2008 gegründet, um zunächst eigene Musikprojekte zu fördern, indem wir Konzerte gebucht und handegmachte CDs veröffentlicht
haben. Mit der Zeit ist unser Netzwerk organisch gewachsen und es kamen Bands von Freunden dazu oder haben sich durch uns sogar gegründet. Im Herbst 2009 haben wir dann zum ersten Mal Fans und Unterstützer um Geld für eine Osteuropatournee des Live-Electro-Projekts KLINKE AUF CINCH gebeten. Das war auf der Plattform betterplace.org und hatte vor allem den kulturellen Austausch in der Electroszene zum Ziel.

Im Februar haben wir gemeinsam mit den Fans über die Leipziger Plattform
visionbakery die EP der Leipziger Band A FOREST finanziert. Da ging es um
die Finanzierung der reinen Materialkosten. Seit kurzem läuft unser drittes Crowdfundingprojekt: Die Leipziger Post-Pop-Band Mud Mahaka sucht Unterstützer für ihre neue CD samt Video.

Was konkret habt ihr gemacht?

Wir haben kalkuliert wieviel Geld wir für die CD brauchen und uns gefragt,
wo wir das Geld herbekommen sollen. Die Band-Kasse war zwar nicht leer, aber auch nicht prall gefüllt. Ein klassisches Label, dass seinen Künstlern die
Rechte abnimmt und dafür die CD finanziert, sind wir nicht. Wir sehen uns
aber in der Pflicht deshalb nach Finanzierungsmöglichkeiten von
unabhängiger Musik zu suchen, die dieses alte System umgeht.

Deswegen haben wir die Fans der Band vor allem übers Web um Unterstützung gebeten: Mails an bisherige Käufer, persönliche Nachrichten auf sozialen Netzwerken, kleines Teasingvideo, Blogposts, Interviews, Newsletter etc.. Und dann hatten wir bald eine schöne Geschichte, die wir erzählen konnten. Eine Erfolgsgeschichte, bei der das Projekt zu 116 % überfinanziert wurde. Und am Ende gab es für alle Unterstützer eine handsignierte CD im Briefkasten, die sie mitfinanziert haben.

CROWDFUNDING vs. CROWDSOURCING vs. FUNDRAISING – Was ist der Unterschied?

Crowdfunding ist eine Spezialform von Crowdsourcing: Die “Masse” der Fans
wird neben ideeller Unterstützung (Öffentlichkeit schaffen) auch um
finanzielle Hilfe gebeten. Und so finanzieren viele Leute mit kleinen
Beträgen einen größeren Posten. Fundraising ist das Sammeln von Geld für
Non-Profit-Organisationen. Obwohl wir uns bewusst sind, dass viele unserer
Leistungen für die Bands nicht zu bezahlen sind, sehen wir uns aber nicht
als Wohltätigkeitsverein, sondern als kleine Firma, die ja auch Musik
verkauft. Gerade für kleinere Firmen aus dem Kulturbereich oder Start Ups
lohnt sich Crwodfunding zur Akquise von kleinen bis mittleren Beträgen. Der
größte in Deutschland 2011 bislang über Crowdfunding finanzierte Betrag ist
der Dokumentarfilm über die Berliner “Bar 25” für 25.000 Euro.

Wie beteiligt ihr eure Fans bei ANALOGSOUL?

Zunächst mal sind wir ein Netzwerk, das man “anfassen” kann. Die
Attraktivität unserer Arbeit für gute Musik liegt für die Hörer neben der
eigentlichen Musik sicherlich auch in der Authentizität und Transparenz, die
wir verkörpern wollen und können. Das ist natürlich immer ein Prozess, den
wir für die Fans so offen wie möglich gestalten wollen: Wir bloggen beinahe
täglich über die Dinge, die uns über den Weg laufen, versuchen uns digital &
analog häufig zu zeigen und ansprechbar zu sein und machen unglaublich viele
Live-Veranstaltungen – Zum Beispiel eine Konzertreihe in vier Städten.

In welchen sozialen Netzwerken seid ihr unterwegs? In welchen (bewusst) nicht?

Wir sind bei im Moment am häufigsten bei Facebook, Soundcloud und Myspace. Letzteres etwas weniger seit der Layout-Änderung. Unser Twitter-Account ist leider etwas eingeschlafen. Aber dafür guckt Flo (einer von fünf Gesellschaftern und Drummer bei A FOREST) glaube ich regelmäßig bei Last.FM rein.
Wir sind nirgendwo ganz bewusst nicht, ballern aber lieber konzentriert und
mit Sinn über wenige Kanäle als den selben Inhalt dreizehn Mal in derselben
Form irgendwo zu posten.

Welche Beispiele in anderen Bereichen zum Thema CROWDFUNDING kennst du noch?

Crowdfunding lässt sich erstmal ganz prinzipiell auf alle Branchen anwenden. Leander Wattig und seine Leser haben eine Liste mit über 100 Plattformen zusammen getragen.

Es gibt Crowdfundig für den Freundeskreis wo kleine Gruppen z.B. ein gemeinsames Geschenk finanzieren können. Es gibt das Social-Micropayment “flattr“, über das sich mittlerweile einige Blogger und sogar die TAZ-Online finanzieren. Es gibt sogar Investorensuche via Crowdfunding, auf seedmatch.com. Das sehe ich allerdings kritisch weil hier ja nicht einfach das Projekt unterstützt wird, sondern kapitalorientierte Investoren sich engagieren, die ja automatisch auf Rendite schauen müssen, also ein eigenes wirtschaftliches Interesse haben.

Für den Kulturbereich gibt es derzeit einen kleinen Hype, weil viele Hoffen, dass Crowdfunding die Lücke zwischen Selbstfinanzieren und öffentlicher Förderung schließen kann.

Welche Portale kennst du? Wie unterscheiden sie sich bzw. welche findest du empfehlenswert?

Ich kenne in Deutschland bislang fünf verschiedene Crowdfundingplattformen
und den erfolgreichen “Exportartikel” Sellaband, nur für Musiker. Empfehlen
kann ich die beiden Plattformen, mit denen ich bereits gearbeitet habe:
betterplace.org
und visionbakery. In beiden Fällen war die Betreuung genial
direkt und wir haben unsere Ziele jeweils deutlich überfinanziert.

Prinzipiell sollte man darauf achten, ob man gut und ehrlich beraten wird und
vorher ein bisschen die AGBs vergleichen. Der Anteil, den die Plattformen
als Gebühr draufschlagen, bewegt sich zum Beispiel zwischen 5 und 15 %.

Was wird in deinen Augen die Zukunft bringen?

Ich glaube, dass die User und Konsumenten noch viel direkter entscheiden
werden, wo ihr Geld hingehen wird. Es wird immer mehr Angebote geben, kleine Dinge, die ihnen gefallen, direkt und unkompliziert zu unterstützen oder zu kaufen. Zum Beispiel gibt es schon Straßenmusiker, denen Du per QR-Code und Smartphone über flattr Geld spenden kannst.
Musiker und Kreative werden davon aber nur nachhaltig im Sinne einer neuen
Form der Kulturfinanzierung profitieren können, wenn der Konsum der Menschen weiterhin bewusster wird. Damit meine ich, dass man manchmal nachdenken muss, welche Art von Kultur und Kunst man eigentlich möchte – Und wer sie unter welchen Bedingungen machen will. Ich sehe im Internet und den Möglichkeiten des web2.0 vor allem eine Chance für Künstler & Musiker.

Es bleibt aber ein Werkzeug und wir müssen entscheiden, ob wir es zum saugen
benutzen oder um bewusst zu konsumieren – auch Musik.
Richtig cool wäre, wenn die staatliche Kulturförderung merkt, dass
erfolgreiche Crowdfundingprojekte gut durchdachte Ideen sind, die schon Fans
gewinnen konnten und deshalb dann zum Beispiel pro Euro von der Crowd noch einen Euro von der Steuer-Crowd d’rauflegt. Die haben schließlich auch ein Interesse daran, dass ihr Geld sinnvoll eingesetzt wird.

www.analogsoul.de